Zur Biografie von Paula Fürst

Paula Fürst wurde am 6. August 1894 im niederschlesischen Glogau als zweites Kind des jüdischen Kaufmanns Otto Fürst und seiner Frau Malvine geboren. Als Otto Fürst starb, zog Malvine Fürst 1906 mit Paula und deren älterem Bruder Richard nach Berlin um. Im Jahr 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, legte die erst zwanzigjährige Paula Fürst in Berlin-Wilmersdorf ihr erstes Lehrerinnenexamen ab, anschließend studierte sie ab 1917/18 an der Berliner Universität Geschichte und Französisch. Dieses Studium brach sie jedoch ab, vermutlich nachdem sie im Jahr 1922 Vorträge von Maria Montessori gehört hatte. Paula Fürst absolvierte in Berlin und Rom Montessori-Kurse und erwarb dort ein Diplom, das sie zur Leitung von Montessori-Heimen und -Schulen berechtigte.

Paula Fürst leitete die erste Montessori-Klasse, die an einer öffentlichen Schule in Deutschland eröffnet wurde: am 14. Februar 1926 an der 9. Volksschule in Berlin-Wilmersdorf in der Pfalzburger Straße. Die Montessori-Klassen waren in einer eigenen Baracke in der Düsseldorfer Straße 3 untergebracht. Fürst engagierte sich auch publizistisch für die Verbreitung der Montessori-Pädagogik, die sie zu ihrer Herzenssache gemacht hatte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Montessori-Pädagogik als „undeutsch“ verboten, Paula Fürst als Jüdin außerdem aus dem Staatsdienst entlassen. Noch im Jahr 1933 wurde ihr die Leitung der 1922 gegründeten Theodor-Herzl-Schule, einer jüdischen, zionistischen Privatschule angeboten, weil die bisherige Leiterin Paula Nathan nach Palästina auswanderte. Zu diesem Zeitpunkt gab es 40.000 jüdische Schülerinnen und Schüler in Deutschland (1939 waren es noch 9.000). Die große Schule – 30 Klassen mit 780 Schülerinnen und Schülern sowie 20 Lehrerinnen und Lehrern – war in einem umgebauten Fabrikgebäude am Kaiserdamm 77-79 untergebracht (heute befindet sich dort der RBB, und eine Gedenktafel erinnert an die Schule und ihre ehemalige Leiterin). Paula Fürst, die neue Direktorin der Schule, musste sich sehr anstrengen, geeignete zusätzliche Lehrer für die gewachsene Schülerzahl zu finden. Sie konnte und musste nun nicht nur ihre Erfahrungen und Vorstellungen entfalten, sondern auch ihr außerordentliches Organisationstalent gewinnbringend einsetzen. Paula Fürst hatte Einiges zu bewältigen, denn es fehlte an Schulgebäuden, geeignetem Schulmaterial, und es herrschte Unklarheit über die richtigen Unterrichtsinhalte.

1938 wurden jüdische Privatschulen ebenfalls verboten, und während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden nicht nur jüdische Geschäfte und Synagogen, sondern auch jüdische Schulen gestürmt und verwüstet, unter anderem die Theodor-Herzl-Schule – trotz der mutigen Gegenwehr von Lehrerinnen und Lehrern einschließlich der Direktorin. Paula Fürst übernahm daraufhin die Schulabteilung der Reichsvereinigung der Juden. Nun unterstand ihr das gesamte jüdische Schulwesen in Deutschland. Gleichzeitig engagierte sie sich für die Auswanderung jüdischer Kinder aus Deutschland und begleitete im August 1939 einen der letzten Kindertransporte nach Großbritannien. Trotz eindringlicher Warnungen ihrer Freunde kehrte sie nach Berlin zurück.

Bis Herbst 1941 gelang es der „Fürstin“, wie sie sich gelegentlich ironisch nannte und liebevoll genannt wurde, an verschiedenen Orten (Privatwohnungen etc.) einen geregelten Unterricht zu organisieren. Bis zum Juni 1942 kümmerte sich Paula Fürst um die in Berlin verbliebenen Kinder. Am 23. Juni 1942 wurde Paula Fürst mit dem 16. Osttransport zusammen mit 201 weiteren Berliner Juden deportiert. Vermutlich ging der Transport nach Minsk, der genaue Ort und das Datum von Paula Fürsts Tod sind unbekannt. Möglicherweise wurde sie auch in der Vernichtungsstätte Maly Trostinez etwa zwölf Kilometer südöstlich von Minsk hingerichtet.

Fest steht, dass Paula Fürst eine der bedeutendsten Reformpädagoginnen des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland war.

Am 16. August 2013 wurde die 1. Reformschule Charlottenburg in der Sybelstraße 20-21, eine Gemeinschaftsschule, feierlich nach Paula Fürst benannt. Ein Stolperstein für Paula Fürst wurde am 11. Juni 2015 vor ihrem letzten freiwilligen Wohnort am Kaiserdamm 101 ins Straßenpflaster eingelassen. Die Steinverlegung war der krönende Abschluss eines Paula-Fürst-Projekts der evangelischen Kinder der Tiger, Haie, Makis und Igel (Klassen der Grundstufe) und fand in einem feierlichen Rahmen statt.

Nach einer Eingangsrede von Petra Neumann, Lehrerin für evangelische Religion, berichtete Inge Deutschkron (Zeitzeugin) über Paula-Fürst, Rabbiner Jonah Sievers sprach einen Psalm und ein Gebet, der Eltern-Lehrerchor von Horst Schallnas sowie Schülerinnen der Tiger und Makis gestalteten den musikalischen Rahmen. Die Schülerinnen und Schüler benannten wichtige Eigenschaften Paula Fürsts und was diese für sie persönlich bedeuten.

 

Anke Silomon, auf der Grundlage der Paula-Fürst-Biografie von Martin-Heinz Ehlert, erschienen im text.verlag Berlin 2005